2. September 2016
Wohnen ist ein Menschenrecht

Nachbarschaftlich und solidarisch

Artikel zum Wohnungsmarkt im SEIN-Magazin
Berlin ist eine wundervolle Stadt voller Anregungen, Widersprüche und Lebendigkeit. Besonders spüren kann man das in den einzelnen Stadtteilen und Kiezen, die im Vergleich zu vielen anderen Metropolen bis heute sozial durchmischt sind und das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen ermöglichen.
Berlin ist auch eine Mieterstadt, in der über Bildungs- und Einkommensgrenzen hinweg 85 Prozent der Bevölkerung zur Miete wohnen. Egal ob Professorin, Einzelhändler, Straßenbahnschaffnerin oder alleinerziehender Vater – um ein selbstbewusstes Leben führen zu können, bedarf es keiner Eigentumswohnung. Spricht man mit Besuchern und Neuzugezogenen, wird erst klar, welch offenen Geist das hiesige städtische Leben ausstrahlt.
Doch in den letzten Jahren kommt dieses egalitäre Moment des einfachen und günstigen Zur-Miete-Wohnens zunehmend in die Krise. So steigen einerseits im Bestand sowieso regelmäßig die Mieten, andererseits treiben zum Beispiel die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen oder die Modernisierung vieler Wohnungen die Mietpreise nach oben.
Seit 2010 gibt es viele Basisgruppen in der Stadt, die sich dem Thema des Wohnens, der Stadtentwicklung und eines guten nachbarschaftlichen Zusammenlebens widmen. Im Dokumentarfilm „MIETREBELLEN – Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt“ werden verschiedenste aktive Mieterzusammenhänge vorgestellt und in ihren Auseinandersetzungen portraitiert. Der Film ist 2014 in die Kinos gekommen und hatte bisher allein in Berlin 300 Aufführungen. Doch auch seit Ende der Dreharbeiten entstehen ständig neue Gruppen.
Ob es die Senioren in Moabit sind, die sich mit Erfolg gegen Mieterhöhungen wehren, oder in der Koloniestraße im Wedding ehemalige Sozialmieter gegen eine Verdoppelung der Mieten auf die Straße gehen; ob in Kreuzberg die Initiative „Stadt von unten“ versucht, ein Gelände am Mehringdamm gemeinnützig zu entwickeln oder in der Knaackstraße im Prenzlauer Berg Mieter einer Wohnungsbaugesellschaft von Verdrängung bedroht sind – all dies sind konkrete und beispielhafte Auseinandersetzungen, die Mieter um ihr Zuhause und ihr Leben im Kiez führen.
Solidarisch-nachbarschaftliches Miteinander
Oft ist die rechtliche Ausgangslage für die Mieter wie zum Beispiel bei der energetischen Modernisierung (Modernisierung eines Gebäudes zur Minimierung des Energieverbrauchs) nicht günstig, doch kann das Entstehen einer Hausgemeinschaft und die Entwicklung eines solidarisch-nachbarschaftlichen Miteinanders dazu führen, dass sich viele Mieter dem Protest dauerhaft anschließen. So kann es gelingen, die Eigentümer von ihrem einseitigen Mieterhöhungsansinnen abzubringen.
Hier spiegelt sich auch die positive Vielfalt dieser Stadt, denn verschiedenste Berufsgruppen leben in einem Berliner Mietshaus, verschiedenste Talente sind vorhanden. Schnell hilft und berät man sich bei juristischen Schreiben. Der eine kann gut formulieren, die nächste ein Flugblatt gestalten. Der eine kann Transparente malen, die andere kennt einen Architekten, Juristen oder eine Hausgemeinschaft mit Erfahrung. Ob Kuchenbacken für das Nachbarschaftsfest oder Programmieren für den eigenen Blog, viele können und werden etwas beitragen, wenn es eine positive respektvolle Grundstimmung zueinander gibt. Denn alle sind von der Veränderung und von den Mieterhöhungen betroffen.
Lange galt in Berlin die Devise: Wenn der Prenzlauer Berg zu teuer wird, gehe ich in den Friedrichshain oder heute vielleicht in den Wedding. Doch diesem verstehbaren Fluchtreflex, Konflikten aus dem Weg zu gehen, ist durch den aktuellen Wohnungsmarkt ein Ende gesetzt. Selbst Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen können sich einen Umzug immer weniger leisten. Denn auf dem Berliner Wohnungsmarkt gibt es nur noch 1,5 Prozent Leerstand. 3-4 Prozent sind notwendig, damit es möglich ist, ohne allzu großen Aufwand eine Wohnung zu finden.
Nach einem Podiumsgespräch mit dem Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf und einer Fotoreportage zur Wohnungssuche für das Berliner MieterEcho ist mir persönlich das Ausmaß erst völlig klar und spürbar geworden. Nur noch 0,8-1 Prozent freie Wohnungen gibt es in den Plattenbausiedlungen am Stadtrand. Die Neuvermietungsmieten sind dort höher als die Durchschnittsmieten nach Mietspiegel im Berliner Bestand. Bei Interviews mit Wohnungssuchenden hört man ergreifende Geschichten. Ein halbes Jahr Suche ist selbst für Menschen mit gutem Einkommen keine Seltenheit mehr. Ein Vater hat in zwei Jahren an über 100 zermürbenden Besichtigungen teilgenommen, um endlich einen Ort für seine Familie zu finden.
Wohnraum mit modernem und ökologischem Standard für alle
Sucht man zum Beispiel in Kreuzberg ein neues Zuhause, ist man schnell mit Neuvermietungsmieten von zehn oder mehr Euro netto kalt konfrontiert. Extreme Summen, wenn man bedenkt, dass viele Menschen in Berlin nur über ein kleines Einkommen verfügen.
Wenn zum Beispiel die Kinder groß sind und eine eigene Wohnung mieten wollen, eine ältere Dame sich verkleinern will oder die Patchwork- Familie Zuwachs bekommt, ist man plötzlich mit einer Verdoppelung der Wohnkosten konfrontiert. Genauso geht es denen, die im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen sind – um 45 000 Personen ist die Einwohnerzahl gestiegen. Auch die vielen aus Krisengebieten Geflüchteten bedürfen – neben unserer Hilfe – auf Dauer mehr als einer Unterkunft im Container. Es ist doch ein Geschenk für alle Berliner, wenn Menschen aus anderen Regionen oder sogar der ganzen Welt Interesse haben, hier zu leben.
Aus den Erfahrungen der Praxis und der Öffentlichkeitsarbeit der Mieterbewegung ist vielen in der Stadt klar geworden, dass es respektvollen und solidarischen Umgang braucht, um den Zumutungen auf dem Wohnungsmarkt entgegenzutreten. Initiativen wie „Zwangsräumungen verhindern“ oder „Bizim Kiez“ seien hier beispielhaft genannt. Die Zeit ist vorbei, die Schuld bei sich zu suchen, wenn man die Wohnung nicht mehr bezahlen kann oder keine findet.
Es ist unverzichtbar, dass Wohnraum mit modernem und ökologischem Standard für alle entsteht, ob in kommunaler Verantwortung oder selbstverwaltet. Denn gesunde Ernährung, Musikunterricht für die Kinder, eine Bildungsreise oder Blumen für einen geliebten Menschen – all dies wird prekär, wenn uns stadtweit die monatlich zu zahlenden Wohnkosten um die Ohren fliegen.
Das, was sich alle wünschen, die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, ein anregendes Umfeld, eine wohlgesonnene Nachbarschaft, ein Aufwachsen in Freundlichkeit und ein Älterwerden in Würde, ein generationenund schichtenübergreifendes bewusstes Zusammenleben und Miteinander bedarf räumlicher Voraussetzungen. Das heißt, in unserer aktuellen städtischen Gesellschaft braucht es bezahlbaren Wohnraum für alle.
Matthias Coers lebt in Berlin. Als Filmemacher, Fotograf und Soziologe hält er Vorträge zum Thema Wohnen und Zusammenleben. Derzeit produziert er einen Film zur Transition-Town-Bewegung im Ruhrgebiet.
www.zweischritte.berlin
www.mietrebellen.de
Mehr Infos:
MIETREBELLEN – Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt, Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers Berlin 2014, 78 Min., Der Film steht in sieben Sprachen zur Verfügung, eine DVD erscheint zum Jahresende.
Veröffentlicht im SEIN-Magazin No. 252 / August 2016: Online
Foto und Text von Matthias Coers
Das Bild zeigt sich gegen energetische Modernisierung organisierende und protestierende Mieter_innen aus dem Prenzlauer Berg.
NEUE STÄDTISCHE SOLIDARITÄT
Zum Wohnen in Berlin

Wer derzeit eine Wohnung sucht, kann nachdrücklich erleben, was es heißt, dies auf einem angespannten Wohnungsmarkt wie dem der Hauptstadt zu tun. Bei gutem Einkommen kann dies bedeuten, nach Feierabend im Anzug durch ein dunkles Neuköllner Treppenhaus eine modernisierte Wohnung zu erklimmen, um hundert Quadratmeter für über 1300 Euro netto kalt zu besichtigen. Gerne würde man eine solche Wohnung günstiger finden, insbesondere in Wunschstadtteilen, zum Beispiel Charlottenburg oder Prenzlauer Berg – doch mit zwanzig anderen Leidensgenossen steht man nun am Ende der Karl-Marx-Straße.
Bei einer Besichtigung in Schöneberg – bei gleicher Größe, aber deutlich günstigerem Mietpreis – finden sich 150 Menschen ein, der Erscheinung nach aus unterschiedlichsten Einkommensgruppen mit unterschiedlichstem sozialen Hintergrund. Bei dieser Menge von Mitbewerbern wirkt bei den meisten die Atmung flach und die Blicke gehen eher ins Leere als interessiert die Räume abzutasten. Selbst als Beobachter, der das schlichte Glück hat, schon in einer Wohnung zu wohnen, spürt man das Gefühl der Verzweiflung. Dies ist das alltägliche Gesicht des Wohnungsmarktes, wie es sich den Menschen zeigt, die neu nach Berlin kommen oder in Berlin umziehen wollen oder müssen.
Wohnen in Berlin: Verlust der Geborgenheit
Anders sieht es in vielen der über 1,5 Millionen bestehenden Mieterhaushalte aus. Mensch kann sich an seiner mehr oder minder gut geschnittenen Wohnung, der Lage oder den Sonnenstunden erfreuen. Der Alltag wird bestritten mit allen Freuden und Nöten, die es zu leben gilt. Doch die Mieter im Bestand haben erfahren müssen, dass auch ihre Verträge und langjährigen Mieten nicht mehr die Geborgenheit bieten, die man sich wünscht und braucht. Immer mehr Häuser werden verkauft, Wohnungen umgewandelt in Eigentum oder kostenintensiv modernisiert. Auch wenn man selber unberührt ist von steigenden Wohnkosten, hört man von grundlegenden Veränderungen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis oder aus den Medien. In den letzten fünf Jahren haben viele Tausend Menschen erlebt, welch ein grundlegender Einschnitt es sein kann, wenn die Wohnkosten relevant steigen oder gar die eigene Wohnung in Gefahr gerät.
Immer öfter aber gelingt es in einer steigenden Anzahl von Mietshäusern, dass sich die Bewohner bei einer drohenden Verschlechterung ihrer Mietsituation absprechen und zusammentun. Es beginnt meist ein längeres, zähes Ringen mit dem Eigentümer oder Investor, um eine nicht mehr leistbare Mietsteigerung oder gar den Auszug abzuwenden.
Erhalt bezahlbarer Wohnungen
Gegenwärtig ist das Wohnen eines der bestimmenden Themen der Stadt geworden. Und in der konkreten Auseinandersetzung im eigenen Mietshaus kommt nun neben dem Erhalt der eigenen Wohnung auch der lokale Kiez und das Miteinander im ganzen Stadtteil in den Blick. Denn das Zuhause definiert sich nicht nur über die eigenen vier Wände, sondern auch über die Nachbarschaft, Läden und Einrichtungen, an denen die täglichen Wege verlaufen.
Gegen die drohende Kündigung eines familiengeführten Gemüseladens hat sich rund um die Wrangelstraße nahe dem Schlesischen Tor die Initiative Bizim Kiez gegründet. Seit über einem Jahr sind dort Bewohner aktiv, um die bunte soziale Struktur ihrer Nachbarschaft zu erhalten. Es geht um günstige Gewerbemieten, die es auch kleinen Läden möglich machen zu existieren, es geht um den Erhalt bezahlbarer Wohnungen, die es allen erlauben, in ihrer vertrauten Gegend oder im innenstadtnahen Kreuzberg leben zu können.
Über zwanzig Mal wurde durch große öffentliche Versammlungen mit einer Mischung aus Kultur und Politik die Straße blockiert. Hunderte Teilnehmer begeisterten sich an musikalischen Darbietungen, Lesungen, Theatereinlagen und folgten mit Empathie und Tatendrang den Berichten und Reden von Mietern, die akut Verdrängungsdruck ausgesetzt sind. Auch Einzelne mit sehr gutem Einkommen oder Eigentumswohnungen sind Teil des breiten Protestes, der dem Ausverkauf des Wrangel-Kiezes nicht tatenlos zusehen will. Für den Gemüseladen Bizim Bakkal, nach dem sich die Initiative benannt hat, konnte trotz juristisch aussichtsloser Lage eine Vertragsverlängerung von einem Jahr errungen werden.
Eine Karte der Verdrängung wurde erstellt, eine offensive Öffentlichkeitsarbeit und die gute Erreichbarkeit von Bizim Kiez machen dieses Engagement bis heute sichtbar. Vom Einzelfall zum ganzen Kiez bewegen sich die Aktivitäten, Gedanken und Gefühle. Es wird auch für konkret wenig betroffene Stadtbewohner interessant und wichtig, sich an aktuellen Auseinandersetzungen unterstützend und aktiv zu beteiligen.
Diese Art von Zusammenhalt und Aktivismus zeigt sich mittlerweile in vielen Kiezen. Die mit einer Verdopplung der Miete konfrontierten Menschen in den 157 ehemaligen Sozialwohnungen in der Koloniestraße im Wedding beispielsweise erfahren bei ihren Protesten viel praktische Solidarität von anderen Gruppen und Menschen aus ihrem Stadtteil. Zusammen mit Künstlern, Humanisten und Aktivisten konnte auch der Bezirk für das Vorhaben gewonnen werden, das drohende Unheil der Entmietung durch Mietsteigerung abzuwenden.
Rund um das Dragoner-Areal am Mehringdamm engagieren sich ebenfalls verschiedene Nachbarschaften und Initiativen für die Erstellung bezahlbaren Wohnraums. Es sollen keine teuren Eigentumswohnungen und keine Gated Community – ein geschlossener Wohnkomplex, oftmals mit Zugangsbeschränkungen – entstehen, sondern ein kleiner Stadtteil mit 800 Wohnungen und öffentlichen Wegen, Nachbarschaftstreffpunkten, Kitas und sozialer Infrastruktur.
Zusammen mit einer Wohnungsbaugesellschaft wollen Stadtteilaktivisten und junge Architekten das Vorhaben realisieren, in denen Menschen aus allen Schichten zusammenwohnen können. Es gibt zwar Gegenwind aus dem Bundesfinanzministerium, welches das Gelände zum Höchstpreis verkauft sehen will. Doch die Initiativen lassen nicht locker und versuchen, ihr solidarisches Vorhaben weiter voranzutreiben.
Beginn eines Dialogprozesses
Knaackstraße im Prenzlauer Berg, Schmargendorfer Mieterprotest in Wilmersdorf, Siedlung am Steinberg in Reinickendorf, Unser Block bleibt in Neukölln, Großgörschen-/Ecke Katzlerstraße in Schöneberg – hier und an vielen Orten mehr zeigen die Proteste Wirkung in der ganzen Nachbarschaft. Ob Verlust einer Kita, eines Ortes der Subkultur oder hochpreisiger Neubau – in den Kiezen wird dies nicht mehr klaglos hingenommen.
Selbst in der Rigaer Straße, in der noch vor einiger Zeit die Polizei anrückte, hat ein Dialogprozess begonnen. Horrende Mieten zahlende Neumieter, Alteingesessene und Ex-Besetzer suchen nach einem Weg des städtischen Miteinanders in respektvollem, wertschätzendem und solidarischem Umgang. Nicht nur, um dem Verdrängungsdruck zu begegnen, sondern auch um dies nach dem alten Berliner Wahlspruch „leben und leben lassen“ in einer guten Art und Weise miteinander zu tun.
Matthias Coers lebt in Berlin. Als Filmemacher, Fotograf und Soziologe hält er Vorträge zum Thema Wohnen und Zusammenleben. Derzeit produziert er einen Film zur Transition-Town-Bewegung im Ruhrgebiet.
www.zweischritte.berlin
www.mietrebellen.de
Mehr Infos:
MIETREBELLEN – Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt, Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers Berlin 2014, 78 Min., Der Film steht in sieben Sprachen zur Verfügung, eine DVD erscheint zum Jahresende.
Veröffentlicht im SEIN-Magazin No. 254 / Oktober 2016: Online
Foto und Text von Matthias Coers
Das Bild zeigt eins von den vielen Plakaten, die Aktive der Initiative Bizim Kiez auf einer Demonstration für das M99 hochhalten.