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2. Juni 2017

Schlaue Idee?

Schlaue Idee?

Der Stadtplatz Kottbusser Tor und die Polizei

Schlaue Idee?

Beitrag und Radiosendung

Keine schlaue Idee – Warum eine Polizeiwache in der Brücke des Neuen Kreuzberger Zentrums dem Stadtplatz Kottbusser Tor nicht gerecht werden kann

Viele Nutzer*innengruppen – viele Bedürfnisse

Jede*r Gewerbetreibende, jede*r Mieter*in hat eine eigene biografische Erfahrung mit dem Ort, dem Raum und auch eine eigene Motivation. Dass die Gewerbetreibenden grundsätzlich für eine feste Polizeipräsenz sind, hat eine gewisse Logik – sie wollen ihre Waren an die Leute bringen und sie gut verkaufen. Dafür braucht man zumindest ein attraktives Umfeld. Ein Faktor für Attraktivität ist ein sogenannter sicherer, öffentlicher Raum, ein anderer natürlich ein interessanter, lebendiger, öffentlicher Raum – das changiert. Wenn das so ein schillernder Ort ist wie der Kotti, dann kommen viele Menschen, und interessante Kleingewerbe, Künstler, Kulturschaffende sowie viele Dienstleistungen können sich hier aufhalten und etablieren. Wenn jedoch das Milieu als verschrien gilt – das wurde die letzten Jahrzehnte ja reichlich getan, die Presse berichtet ja eigentlich nur negativ, die ganze Debatte um Gefahrenorte und kriminalitätsbelastete Orte trägt dazu bei – da kann ein geistiges Milieu entstehen, dass gesagt wird: Wir brauchen jetzt Rettung. Rettung ist dann eben öffentliche Sicherheit durch die Polizei oder durch Kameras usw. Daher kommt so eine Grundmotivation bei den Gewerbetreibenden. Bei den Mieter*innen ist es anders und entsprechend sehe ich da unsere Aufgabe als Mieterrat. Ich selber bin relativ polizeikritisch, kann mir nur vorstellen, dass die Polizei Sinn macht als einer von vielen in Anführungszeichen „zivilgesellschaftlichen“, institutionellen und auch staatlichen Akteuren am Ort, allerdings nur als einer unter anderen. In dieser Mischung kann eine kleine Polizeiwache oder eine Präsenz von lokalen Polizist*innen – wie wir das schon seit Jahren durch Herrn Sommerfeld, einen ansprechbaren Beamten, haben, der den Kiez und die Menschen kennt – auch irgendwie Sinn machen. Ansonsten ist es eher sinnlos. Aber die individuelle Erfahrung durch die Mieter*innen ist, dass es immer mal wieder Wohnungseinbrüche gibt, ebenso wie in anderen Großwohnanlagen, in privaten Häusern oder sonst welchen Vermietungsverhältnissen – das ist die eine Ebene. 

Die andere Ebene ist – und die ist entscheidend – dass es ein kriminalitätsbelasteter Ort deshalb ist, weil hier zwei große U-Bahnlinien aufeinander stoßen, Buslinien zusammenlaufen und Kreuzberg quasi als Scharnierviertel zwischen Wedding, Mitte und Neukölln dient. Dadurch ist es ein sehr attraktiver Ort für Drogengebraucher*innen, doch genauso für Leute, die Drogen oder Ähnliches verkaufen wollen. Wenn wenige Orte existieren, um sich aufzuhalten, sind die Treppenhäuser der Großwohnanlagen immer ein willkommener Ort, um Zuflucht zu suchen vor Kälte, vor Beobachtung oder um sich dort in Ruhe einen Schuss zu setzen bzw. etwas zu rauchen. Das haben die Anwohner*innen in den Häusern im Alltag ständig vor Augen und so kann selbstverständlich der direkte Wunsch aufkommen: Das soll sich ändern. Dann merkt man, dass die Hausverwaltung kaum etwas machen kann, den Nachbar*innen sind in gewisser Weise – auch wenn wir uns gegenseitig helfen – die Hände gebunden. So ruft man eben hier konkret beim Abschnitt 53 an. Kann man gut deutsch, sich durchsetzen, den Ort lokalisieren, kommen vielleicht mal zwei Beamt*innen und man kann denen sagen: Es wäre gut, wenn nicht 15 Leute im Treppenhaus sitzen. Wenn man die Sprache nicht gut und den Ort nicht lokalisieren kann, kommt niemand, und man fühlt sich mit dem Zustand allein gelassen. Deshalb denken viele Leute, eine Wache vor Ort würde direkt gleich so eine in Anführungszeichen „reinigende“ Wirkung haben, was dieses Thema angeht. Es gibt aber viele Aspekte, die das zuspitzen auf dieses Symbol Polizeiwache. Es ist kein sehr sauberer Ort, obwohl die Sauberkeit gleichzeitig sehr stark betrieben wird. Jeden Morgen fahren hier Müll-Reinigungsfahrzeuge durch, was die Mieter*innen bezahlen müssen, es ist ja teilweise privates Gelände. Doch das, was hier überall herumliegt, kommt ja nicht nur von Drogengebraucher*innen oder Mieter*innen, es sind zugleich das Party-Publikum – aus voller Berechtigung – die Leute, die die U-Bahn wechseln im öffentlichen Raum, ihr Kaugummipapier oder z.B. achtlos ihre Zigarettenstummel wegschmeißen. Das heißt, es ist nicht nur eine Großwohnanlage und ein großer Platz, sondern es sind eben besonders die Verkehrswege. Da ist einfach so eine gewisse Rauheit in der Luft. Dafür, finde ich, ist es ein sehr nachbarschaftlicher, freundlicher Ort, der auch echte Probleme hat, unbenommen. Viele Leute denken dann, solche Probleme könnten final durch den Staat oder die Polizei gelöst werden. Ich glaube hingegen, dass es tatsächlich so nicht ist.

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Armut wird der Armut überlassen – Sicht der Mieter*innen

Mit 40 Mieter*innen habe ich bisher gesprochen und dabei war fast niemand, der keine Polizei möchte am Ort. Das hat damit zu tun, dass viele sich diese sogar seit Jahren oder Jahrzehnten wünschen und empfinden, aufgrund ihrer migrantischen Geschichte oder Biografie hier sehr lange allein gelassen worden zu sein. Das ist in gewisser Weise ja richtig. Wenn man hier diese Orte wahrnimmt, allein dieses Haus – es wurde privatwirtschaftlich betrieben von einer ansprechbaren Hausverwaltung, also die konkreten Menschen, die das hier gemacht haben, waren durchaus toll – aber auch die anderen Blöcke: Im letzten Ende gab es hier einen riesigen Sanierungsstau. Das muss jetzt die städtische Wohnungsbaugesellschaft durch die Kommunalisierung auffangen mit allen Folgen und Umstrukturierungen, die für die Mieter*innen nicht unbedingt positiv sind. Es gibt fast keine Bedenken – natürlich schon bei einzelnen Menschen, die generell polizeikritisch sind oder Obrigkeitsstaatlichkeiten ablehnen – doch ich würde sagen, die Mehrzahl der Mieter*innen findet es durchaus gut. Es ist allerdings so, dass viele eben nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben mit der Polizei in ihrem Leben, ihren Familien, ihrem Freundeskreis oder im Milieu. Und es scheint, dass diese erhobene Wache im Haus oberhalb von allen Menschen nicht befürwortet wird. Gewünscht wäre eher eine sogenannte „bürgerfreundliche" Nachbarschaftswache – so wird es ja in der Presse teilweise verkauft – wo man quasi hingehen kann. Man geht zum Friseur, weil man sich die Haare machen lassen will oder zur Bibliothek oder eben zum Dienstleister Polizei. Da vielleicht jemandem das Portemonnaie geklaut wurde oder man gehört hatte, bei der Nachbarin habe es nachts an der Tür geruckelt und das möchte man jetzt melden, oder es ist jemand im Treppenhaus, der dort gerade sein Geschäft verrichtet hat. Das wäre dann eigentlich ein Fall für die Reinigung, doch man denkt, der Mensch sollte nicht länger im Treppenhaus bleiben. Dies würde jede*r Hausbesitzer*in und jede*r in einem Altbau im Prenzlauer Berg normal finden, dass das geregelt wird, so dass man das Treppenhaus schlicht nutzen kann. Hier haben sich die Menschen eher daran gewöhnt, dass sie tagtäglich mit so einem Elend konfrontiert sind. Vermutlich niemand möchte die Menschen verdrängen – das glaube ich nicht – aber ich denke, das Problem ist, dass es in die Häuser hinein drängt. 

Die Armut wird der Armut überlassen, so könnte man das sozialgeschichtlich irgendwie einstufen. Das Problem ist sicherlich, dass es da unterschiedliche Meinungen gibt. Die Strategie des Innensenats ist es ja, im nächsten Jahr überall Kameraüberwachung zu installieren. Wir sehen ja Phänomene wie in Südkorea mit der Covid-Debatte, wo künstliche Intelligenz eingesetzt worden ist für Gesichtserkennung und Verfolgung über die Kameras, das ist hierzulande vielleicht etwas für 2025/26 oder das nächste Jahrzehnt. Ich glaube, es ist ein Gewöhnungsprozess, der einsetzen soll: viele Kameras und man habe irgendwie alles im Griff. Wir als Mieterrat wissen, es gibt Kameraüberwachung im Haus, das bringt auch nicht unbedingt so viel. Gleichzeitig muss man sagen: Kritik an der Polizeistation kommt von allen möglichen Gruppen, deren Punkte ich durchaus verstehe und manchmal auch teile. Doch es ist natürlich so – ich war bei Treffen, da wurde ich eingeladen, um zu berichten, wie es den Mieter*innen geht. Da wird dann schnell gesagt: Ja, die Mieter*innen verstünden nicht die gesellschaftlichen Zusammenhänge, das mit den Drogen und deren Verkauf oder die Rolle der Polizei in der Gesellschaft etc., und man müsste sie eigentlich aufklären. Es ist aber ein Unterschied, ob man hier wohnt und einfach mal zum Postkasten will und nicht immer jeden Morgen gerne über jemanden drüber steigt, oder ob man eben nicht hier wohnt. Hier ist das Verlangen nach einer klaren, quasi autoritären Lösung verständlich, auch wenn es nicht unbedingt gut ist. Meine Idee ist ganz einfach: man braucht ganz viele starke Akteur*innen am Platz und eine kluge, gute Infrastruktur, nicht nur für den Kotti, sondern eigentlich für alle Stadtplätze, also Hygiene-Einrichtungen, Toiletten, Orte, wo man Trinkwasser bekommt oder sich gegebenenfalls waschen kann. Weiterhin Orte mit aktiver Sozialarbeit, wie z.B. die Berliner Obdachlosenhilfe, die eine tolle Versorgung für die Menschen bereithält, bei der Wohnungslose mitarbeiten können. Doch selbst ein so wichtiger Träger wie Fixpunkt, der leider das fatale Problem hat, dass er viel zu knappe Öffnungszeiten hat, und dadurch viele Menschen herkommen, die dann ganz enttäuscht sind, dass man nach 19 Uhr keinen Rückzugsort hat. Außerdem fehlen grundsätzlich in der Stadt Notübernachtungsplätze für Menschen, die drauf sind, egal ob sie jetzt Alkohol getrunken haben oder anderes zu sich nehmen. Durch die ganze Gesellschaft werden Drogen massiv konsumiert, es sind nicht nur die Armen oder augenscheinlich Verwahrlosten, die Menschen in dramatischen Lebenslagen. Aufgrund der Illegalisierung – das meinen ja einige Kritiker*innen der Polizei – sind die Menschen gezwungen, die Substanzen illegal zu erwerben und so kristallisieren sich in jeder Stadt gewisse Orte heraus – das Bahnhofsviertel oder hier eben der Kotti. So kann man natürlich schnell urteilen: wenn man alles mit in die Statistik einberechnet, jedes Gramm Gras, das hier bei jemandem gefunden wurde, handelt es sich klar um einen kriminalitätsbelasteten Ort. Doch es sind soziale Fragen und die müssen ganz aktiv durch eine Nachbarschaft, durch Kulturorte, durch Vereine, durch engagierte Sozialarbeit und teilweise vielleicht auch durch Polizeiansprechbarkeit gelöst werden.

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Kein guter Standort – keine gute Stadtentwicklung

Es gibt viele verschiedene Argumente, die gegen die Standortwahl sprechen. Ein ganz wichtiges ist, dass hier ein Sachzwang erzeugt wird, der so nicht existiert. Die Problematik ist ja seit Jahrzehnten bekannt und die Menschen leben damit. Jetzt ist nun Frau Spranger, unsere Innensenatorin, eine geraume Zeit im Amt, und die Presse verlangt immer nach 100 Tagen gewisse Ergebnisse. Dadurch ist ein Druck entstanden, unser Vorzeigeprojekt Kottbusser Tor und in Zukunft zugleich der Hermannplatz, doch zumindest das Kottbusser Tor soll zeitnah eine Polizeiwache bekommen. Nach 100 Tagen soll klar sein: Der Platz soll sie nicht nur bekommen, sondern: Die kommt dort hin. Egal, ob sie 2022/23/24 kommt, es sollen eben Nägel mit Köpfen gemacht und dann noch präsentiert werden. So wurde nach Orten gesucht. Wir als Mieterrat haben mitbekommen, dass es hier eine Polizeiwache geben soll und haben es verbreitet, so dass viele Menschen es nun wissen. Alle Orte, die man in den Blick genommen hat, ebenso Orte, die wir vorgeschlagen haben, wurden nicht für gut befunden und es wurde kundgetan: Es gibt nur eine größere freie Gewerbefläche am gesamten Platz und das sei nun mal diese Brücke, ehemals als Wettbüro genutzt. Pikant bei der Sache ist ja noch, dass die Wettbüros nach Ende ihres Gewerbemietvertrags hier im gesamten Bereich diesen nicht verlängert bekommen dürfen. Das ist nicht nur gut, denn wir sehen: Manche Wettbüros verschwinden und hinterher zieht dort ein kleiner Lieferdienst oder ein smartes englischsprachiges Büro ein, was der Nachbarschaft nur wenig nützt. Auch könnte man sagen, solch eine Regelung ist – obwohl sie gut gemeint war – durchaus ein Teil von Gentrifizierung und Aufwertung. Wettbüros haben vielleicht ein ambivalentes, oft schwieriges Publikum, jedoch sind es meist nicht wohlhabende Leute, die dort verkehren. So haben sie auch eine proletarische Seite, die damit zerstört wird. 

Es ist auf jeden Fall ziemlich witzig, dass die Polizei oder der Senat da hinein will. Ich glaube, dass es der Polizei unwichtig ist – die kommen überall klar, die müssen überall klar kommen. Doch für die Senatorin und insbesondere das Brain dahinter, Herrn Ackmann, der Staatssekretär im Innensenat, ist das ein toller Symbolort. Denn es ist so: Alle wissen: Die Polizei wird nichts bringen, zumindest, wenn sie da im Büro sitzt. Und wenn sie in Mannschaftsstärke hier ständig herumlaufen, wird es ja Kriminalisierung ohne Ende geben. Was sind die Kriterien, nach denen jemand im öffentlichen Raum kontrolliert wird? Da müsste man an jeder Ecke einen Trupp Polizist*innen aufstellen, folglich würde das Kottbusser Tor aber einfach woanders hinziehen, also der Aspekt, den man kriminalitätsbelasteten Ort nennt. Das wäre reine Verdrängung. Doch entscheidend ist: Wenn man die Polizei in den zentralen Ort, den Symbolort hineinbekommt, kann man sagen: Wir haben richtig was geschafft! Kreuzberg war ja, wenn man die lange Geschichte betrachtet, mal polizeifrei, es gab die ganzen Debatten um den 1. Mai 1987 und die lange Geschichte der Besetzungen usw., das ist ein Tor nach Kreuzberg 36 hinein und hinaus, das Kottbusser Tor ist dafür ein Symbolort.  Zudem ist es ein Symbolort als Gebäude, das über die Straße springt und von den Architekten Uhl und Jokisch als Kulturort gedacht war. Außerdem ist es von allen Seiten sichtbar. Mir geht es jetzt nicht darum, was die Polizei mit dem Ort machen kann, sondern die Polizei und der Innensenat können auf der Symbolebene sagen: Wir haben alles im Griff und im Blick, selbst wenn es eine unbedeutende kleine Polizeiwache auf 200 qm ist. Aber man kann sie stadtweit immer auf Fotos vermarkten und verkaufen. Wie sonst der Riegel als Ort für Sozialen Wohnungsbau, für Armut oder Kommunalisierung steht – dann ist es ein Beispiel für gelungene Polizeiarbeit. Und die soll transparent und bürgernah usw. sein. Das ist selbstredend Gewäsch, muss man Frau Spranger sagen, so sehr ich auch mit ihr diskutiert habe und die Argumente verstehe. Ich glaube, sie haben viel dazugelernt durch die verschiedenen Infos, zum Teil vom Mieterrat. Sie wussten zum Beispiel nicht, dass Fixpunkt hier ist oder sie haben sich dumm gestellt und gesagt, sie wüssten davon nichts. Sie wissen ganz viel nicht, was wir als Nachbar*innen wissen. 

Anerkennung und Respekt statt die Symbolik von Ruhe und Ordnung 

Diesen erhabenen Ort zu erobern, das ist etwas Besonderes, und das Argument, es gebe kein anderes freies Gewerbe für die Dienststelle und man wolle niemanden verdrängen, ist ein reines Schein-Argument. Ebenso zieht die Argumentation gegen das Aufstellen von Containern nicht. Man könnte so eine kleine Polizeiwache unter der Hochbahn haben, die für alle, auch gerade die U-Bahn-Nutzer*innen da wäre – die BVG lässt den Bahnhof durchaus verwahrlosen, wenn man das mal zuspitzen will, obwohl ich es wichtig finde, dass Wohnungslose in Kältephasen dort übernachten können. Man hat die Idee mit dem Argument abgelehnt, es sei zu teuer, einen Container zu bauen im Vergleich zur Polizeiwache oben, letztere würde nur 250.000 € kosten. Inzwischen wissen wir: Vor einer Woche war es noch eine Million, eben noch 2,5, nun soll diese Wache in der Brücke 3,75 Millionen € kosten. Die Polizei soll einfach dort in diesen Symbolort. Aber wenn man ein bisschen nachdenkt, merkt man: bürgernah, transparent und zugänglich hat nun sehr wenig damit zu tun, hochzugehen zu Menschen, die aufgrund ihrer obrigkeitsstaatlichen Funktion – sie haben ja besondere Hoheitsrechte, sind bewaffnet, vertreten das Gewaltmonopol des Staates und blicken aufgrund ihrer hoheitlichen Position auf andere herab. Selbst wenn der netteste Polizist oder Polizistin nicht auf jemanden herabschaut – derjenige, der gerade kontrolliert wird, der empfindet es als solches und dass er herangenommen wird. Diese Situation kennt schon jede*r Autofahrer*in. Doch so ist es verdoppelt, es wird physisch real auf die Menschen von oben geschaut und die Bürger*innen, Mieter*innen und Verkehrswegenutzer*innen müssen auch noch hochklettern, um zu sagen: Bitte nehmt meine Anzeige auf. Das ist etwas, was der Senat gar nicht bemerken will, obwohl wir ihm das durchaus mehrfach erklärt haben.

Was man aber positiv sagen muss: Wir haben ja einen Gegenvorschlag aus dem Mieterrat heraus gemacht. Gewerbetreibende bieten einen Tausch an – Details will ich dazu nicht sagen – sie würden in die Brücke hineingehen. Die Polizei hätte nun ein etwas größeres Gewerbe, sogar über 200 qm, was wiederum der Gewerkschaft der Polizei entgegenkäme, da es bessere Sozialräume etc. geben könnte. Dort wäre es wirklich „bürgernah”: Man ist ebenerdig, wie der Friseur,  wie der Fischladen – wie in die Bibliothek kann man hineingehen. Ich glaube, es ist eine reine Symbolpolitik, man klotzt da mit viel Geld für die nächsten 20-30 Jahre etwas hin, doch wird die Wache ganz klapprig, wenig besetzen – drei Leute in Wechselschicht, 9 Leute in 24 Stunden. D.h. die Polizist*innen können im Endeffekt gar nicht hinausgehen, sondern rufen Funkwagen. In dem Sinne kann man gleich, wenn man nicht gut zu Fuß ist, besser bei der Polizei anrufen, als zu dieser erhobenen Wache über den Menschen zu gehen. Dass die Polizei 2022 noch so eine Symbolik verfolgt!? Sie sollte anders auftreten – wenn es eine Streife gibt, dann sollte die unbewaffnet sein. Warum muss die Polizei mit scharfen Schusswaffen herumlaufen? Das ist heute völlig unnötig. Also, es gäbe ganz andere Konzepte und jetzt will man da baulich etwas ganz Wunderbares schaffen – im letzten Ende, damit sich Berlin besonders gut verkauft. Die Polizei hat ein immanentes Problem in einer sich wandelnden Welt, die von Tag zu Tag migrantischer geprägt sein wird und wo die Herkünfte zunehmend weniger eine Rolle spielen, bis sie vollkommener Alltag sind. Wenn man in Oberhausen oder Offenbach ist, haben dort 60% der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund. Wir sind jetzt hier in Ostdeutschland, da ist das anders. Aber in den Großstädten durchaus und in Westdeutschland, Frankreich, England – wo man hinschaut – die Polizei kann auch hier nicht weiter mit diesem weißen, deutschen, bürgerlichen Blick auf die Menschen schauen – das ist die völlig falsche Symbolik.

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Schutz der Mieter*innen – die Aufgabe der Wohnungsbaugesellschaft

Dass Alternativvorschläge des Mieterrats aufgegriffen werden und die Polizei mit ihren Technikern ein konkret mögliches Gewerbe vermessen hat, ist ein gutes Zeichen. Es könnte aber Ablenkung sei, um zu sagen: Wir haben es vermessen und es geht nicht. Auffällig ist auf jeden Fall – wir haben ja einen ziemlich direkten Draht zur Leitung der Gewobag und direkt geschrieben, wie auch der Senatorin und dem Abschnitt – es gab von keiner Seite eine Antwort-Mail. Das ist ungewöhnlich, denn in den letzten Wochen war doch eine gewisse Bemühung da all dieser großen Player, uns als „kleine Institution“ Mieterrat hier für 300 Wohneinheiten, 1300 Menschen, den Platz und 100 Gewerbetreibende immer zu informieren, wir haben sehr viel gemailt und telefoniert. Auf unseren Vorschlag gab es wochenlang Funkstille. Aber wir wissen, dass die Vermessungen jetzt schon vor einer Woche geschehen sind und ich glaube der Senat will sich im Moment keine Blöße geben, dass der Mieterrat da irgendwie die Fähigkeit hat, noch etwas zu machen. Zudem glaube ich, dass es in gewisser Weise ein schlechtes Gewissen gibt. Man sagt, man will niemanden verdrängen und jetzt merkt man, dass Café Kotti potentiell verdrängt wird. Und sensible Gewerbeeinheiten, also oben, Kulturschaffende, kleine Büros usw. sind gar nicht mehr so gut zugänglich, wenn du erstmal an einer riesigen Polizeiwache vorbei musst. Jetzt sagt selbstredend jeder sich bürgerlich wähnende Mensch: Wieso, wo ist das Problem? Ja, aber für manche Menschen ist es ein Problem und da ist der Zugang dann nicht mehr ganz so „barrierefrei“. Das Andere ist, dass der Mieterrat nach Kooperationsvereinbarung nicht nur aufgefordert ist, sondern es festgeschrieben ist, dass gemeinsam versucht wird, im Interesse der Mieter*innen, aber auch der Verwaltung, also der Gewobag, das Gewerbe gemeinsam zu entwickeln. Doch genau bei so einem zentralen Aspekt – Polizei ja/nein in die Brücke – wird das einfach außer Kraft gesetzt. Vermutlich wird über die Gewobag hinweggegangen, welche sagt: „Wir können eh nichts machen.“ Also ganz sturbrav. „Der Innensenat weist das an“, oder so. Das ist natürlich Quatsch, die Gewobag kann sich durchaus vor ihre Mieter*innen werfen und sagen: „Ja, wir brauchen mehr Sicherheit vor Ort, da kann die Polizei einen Beitrag leisten, aber unsere schöne Brücke, das ist unser wichtiger zentraler Ort, das Herzstück symbolisch für den Platz und das wird genutzt für ein Museum zum Gemeindewohnungsbau der letzten 100 Jahre, was man an sozialem Wohnungsbau machen kann oder für ein kleines Theater oder Ähnliches.“

Also das Problem ist, dass diese Symbolpolitik „Wache”, die jetzt hier betrieben wird, und die Vernachlässigung der Bewohner*innen bei der Frage der Sicherheitsebene und wie mit den Treppenhäusern und U-Bahnhöfen umgegangen wird, dazu führt, dass wir jetzt alle nur in so einer Anti-Haltung hängen. In Wahrheit ist das hier ein wunderbarer Ort, wo ganz viel zivilgesellschaftliche Praxis existiert – Polizei ist ja gerade nicht Zivilgesellschaft – Zivilgesellschaft sind die ganzen Nachbar*innen, die hier ihre kleinen Vereine machen, Gruppen, Institutionen, und sich bemühen, dass es Spielplätze gibt, dass die Wege nutzbar sind, dass man sich versteht. Das sind unendlich viele tolle Gewerbetreibende, die hier irgendwas machen und jeden Tag hervorbringen und ein Herz für den Platz haben. Dadurch fühlt man sich hier auch total sicher, da man hier langgeht und sagt: „Schau mal, da ist der und da ist der Mensch vom Schlüsseldienst.“ Auch wenn man dort vielleicht nur einmal in seinem Leben seinen Schlüssel hat machen lassen – man kennt sich, man nimmt sich wahr und das bringt Vertrauen. Wer das Kottbusser Tor nur von außen und durch die Medien kennt, die es schlechtschreiben, der wird sagen: „Oha, wie schrecklich der Ort!“ Wenn man hier allerdings lebt, hat man fast das Gefühl, man befindet sich in einem kleinen städtischen Dorf. Die einen fühlen sich so am Böhmischen Platz und in Rixdorf, wir fühlen uns so am Kottbusser Tor, nur dass es eben Beton ist, rappelt wegen der U-Bahn und natürlich einen elend lauten Straßenverkehr hat. Allerdings arbeiten alle daran, selbst eine doch recht aktive Hausverwaltung, dass es zu einzelnen Schritten und Besserungen kommt, wie öffentlichen Toiletten usw. Das dauert alles sehr lange, wie das eben so ist in unserer Gesellschaft und wie das in Berlin üblich ist – aber niemand lässt hier eigentlich nach.

Schlaue Idee?

Kotti-Shop on Air #30 mit einer Ausgabe zur Polizeiwache und Nachbarschaft am Kottbusser Tor, hier die vollständige Sendung zum Nachhören: http://reboot.fm/2022/05/22/kotti-shop-on-air-30

Text und Fotos: Matthias Coers

Dem Artikel liegt das Interview des Kotti-Shop-Radios zugrunde.

Titelbild: Am nördlichen Teil des Platzes – Spielsalon, Filmwerbung, Imbiss, Nahversorger und der durchgängig geöffnete Gemüsestand erhellen die Nacht

Bild 2: Ungetrübter Blick – Hochbahn, Bibliothek, Hostel und die Blöcke öffentlicher und privater Wohnungsunternehmen in der Morgensonne

Bild 3: Aktive Nachbarschaft – Gemeinschaftliche Spielplatzplanung, Mieterrat, Kotti-Shop, Architekt*innen, Bezirk und Gewobag arbeiten hier gut zusammen

Bild 4: Gespiegelter Blick durch die vakante Gewerbefläche über die Adalbert- und Oranien- bis zur Köpenicker Straße