zweischritte.berlinBeiträge

← Alle Beiträge

27. März 2017

Aufruhr(t)räume

Foto: Matthias Coers zweischritte.berlin coersvideo | alibi Essen, DAS GEGENTEIL VON GRAU

Bewegung in den Nischen der Städte

Foto: Matthias Coers zweischritte.berlin coersvideo | alibi Essen, DAS GEGENTEIL VON GRAU

ND und Freitag zu DAS GEGENTEIL VON GRAU

“Auf-Ruhrgebiet” lautet der Titel eines Beitrags des Journalisten Peter Nowak in der Tageszeitung Neues Deutschland. “Aufruhr(t)räume” ist das Interview überschrieben, welches von ihm mit mir für den Blog der Freitag Community geführt wurde. 

Im Folgenden Artikel und Interview als Text, vorweg als PDF und mit Links zu den Publikationen:
Neues Deutschland: PDF | Link
Der Freitag Community: Link

Auf-Ruhrgebiet

Die Senioren sind in Feierlaune. Mit ihrer Mieterinitiative Zinkhüttenplatz haben sie den Abriss einer historischen Arbeitersiedlung verhindert. Dabei hatten sie nicht einmal von der Mehrheit der Linkspartei Unterstützung.

Ihr inspirierender Kampf ist in der Dokumentation »Das Gegenteil von Grau« zu sehen, der in dieser Woche Premiere hat. Knapp 20 außerparlamentarische Initiativen werden im Film vorgestellt. Das Spektrum reicht von Graffiti-Sprüherinnen – es sind tatsächlich nur Frauen – über einen anarchistischen Infoladen, über Projekte mit Geflüchteten bis zum Leerstandskino in Dortmund-Nord.

»Alle Projekte leisten Pionierarbeit im Ruhrgebiet, einer Region mit starkem Strukturwandel aus der Industriegesellschaft in eine krisenhafte Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft«.

So beschreibt der Regisseur Matthias Coers gegenüber »nd« das Verbindende der vorgestellten Initiativen. Besonders das Oberhausener Projekt Kunst im Turm (kitev) und die Initiative Refugees‘ Kitchen, eine mobile Küche, in der Geflüchtete und Künstler zusammenarbeiten, haben Coers beeindruckt. Der Regisseur war durch den Film »Mietrebellen«, der den Widerstand gegen Vertreibung und Mieterhöhungen in Berlin dokumentiert, auch über Deutschland hinaus bekannt geworden.

Zur Entstehungsgeschichte: Bei einer Filmveranstaltung im Ruhrgebiet hatte Coers Aktive der Initiative »Recht auf Stadt Ruhr« kennengelernt. »Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhrgebiet auch eine Art Bewegungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann«, so Coers. Die Filmarbeiten haben sich dann zwei Jahre in die Länge gezogen, weil Coers den Film nicht über sondern mit den Initiativen gemeinsam drehte.

Es werden Menschen vorgestellt, die in den Nischen der Städte ihre Utopien umsetzen wollen. Das kann ein »Reparaturladen« oder ein besetztes Gewächshaus sein, in dem sich Senioren ganz selbstverständlich darüber unterhalten, wie sie ein Schloss geknackt haben. Die kurzen Filmgespräche dokumentieren die Unterschiedlichkeit der einzelnen Projekte: Während einige mit linken Politikern kooperieren, betonen andere die Autonomie von Staat und Parteien. Ein Mitarbeiter des Bochumer Straßenmagazins »bodo« erläutert, wie ein Arbeiterstadtteil vor Jahrzehnten zum Zufluchtsort von Migranten wurde und bis heute geblieben ist. Die von Berlin nach Oberhausen »migrierten« Künstler von kitev fragen sich, ob ihr Projekt nicht gegen ihren Willen zur Gentrifizierung beitragen könnte.

Die Dokumentation ist ein aktueller Bewegungsmelder für ein anderes Ruhrgebiet. So hätte der Film mit dem vagen Titel »Das Gegenteil von Grau« vielleicht passender »Auf-Ruhrgebiete« heißen können. Auf jeden Fall macht er neugierig auf mehr und Lust, die Entwicklung der vorgestellten Projekte weiter zu beobachten.

Neues Deutschland Bundesausgabe vom 22.3.2017, Seite 18

Aufruhr(t)räume

Das Gegenteil von Grau – Der Regisseur des Films Mietrebellen porträtiert in seinen neuesten Film nichtkommerzielle Projekte und Initiativen im Ruhrgebiet. Peter Nowak sprach mit Matthias Coers.

1.) Wie ist der Kontakt mit den Inis im Ruhrgebiet entstanden?

Mit dem Film MIETREBELLEN habe ich Filmveranstaltungen im Ruhrgebiet gemacht. Dort bin ich in Kontakt gekommen mit Aktiven von Recht auf Stadt Ruhr, die vom Film MIETREBELLEN sehr angetan waren und gemeinsam haben wir überlegt, wie man für’s Ruhrgebiet auch eine Art Bewegungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann. Es gibt zwar im Ruhrgebiet Mieter_inneninitiativen allerdings ist durch den Strukturwandel die Frage der Wohnkosten nicht so zugespitzt wie in Berlin. 2015 haben wir mit den Dreharbeiten begonnen und der Kontakt zu den verschiedensten Gruppen ist dann über die Stadtaktiven im Ruhrgebiet entstanden. Es gab zwar schon Kontakte wie zu den MieterInnen vom Zinkhüttenplatz aber so kam dann auch die Zusammenarbeit mit Freiraum- und Transition Town-Initiativen zustande. Meine Idee vom dokumentarischen Filmen ist nicht, über andere Filme zu machen, sondern mit ihnen. Und das ist bei diesem Projekt gut gelungen, denn die Fähigkeiten und Talente liegen ja besonders vor Ort.

2.) Der Film MIETREBELLEN handelte von Berlin, wo Du selber in der MieterInnenbewegung aktiv bist. War es schwierig, in einer Region einen Film zu drehen, in der Du nicht lebst?

Da ich das Ruhrgebiet gut kenne, auch selber dort schon gearbeitet habe, und zudem eine offenherzige Mentalität herrscht, war es eher einfach, in einen kommunikativen und filmischen Prozess einzutreten. Zwar sind im Vergleich zu Berlin die Menschen im Ruhrgebiet es weniger gewohnt, in einer Interview- oder Aufnahmesituation zu sein, doch ist das immer eine Frage ob man mit Intensität und echtem Interesse an die Menschen herantritt. Es geht ja auch darum, Ruhrgebietsinitiativen, die in den Nischen der Städte ihre Arbeit tun, zu sammeln und in einem Film vorzustellen. Voraussetzung dafür ist natürlich auch die Lust der Aktiven, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Schließlich ist es das Thema des Films, wie sich jenseits des marktwirtschaftlichen Interesses verstetigt, organisiert und gearbeitet werden kann.

3.) Wo siehst Du die Gemeinsamkeiten der im Film vorgestellten Projekte und welches hat Dich besonders beeindruckt?

Was alle Projekte verbindet, ist, dass sie Pionierarbeit leisten in einer Region mit starkem Strukturwandel. Das Ruhrgebiet ist entstanden aus der Industriegesellschaft heraus und heute eine krisenhafte Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft. In den so entstandenen Stadtstrukturen herrscht eine gewisse Agonie, der von den Städten mit Eventkultur begegnet werden soll. Hingegen widmen sich die Initiativen, von denen im Film erzählt wird, scheinbar randständigen Themen, die aber zentral sind – solidarisches Miteinander, freies Assoziieren, kooperatives Produzieren, Aktivität im Stadtteil. Persönlich halte ich die Initiative kitev oder Refugees’ Kitchen für beispielhaft, da sie es kontinuierlich und mit Sichtbarkeit schaffen, zusammen mit Geflüchteten und Menschen aus ganz Europa auf lokaler Ebene temporäre wie dauerhafte Residence- und Arbeitsformen zu entwickeln. Dies ist in den neonationalen und neochauvinistischen Zeiten gar nicht hoch genug einzuschätzen.

4.) Auffällig ist, dass ArbeiterInnen, die ja immer mit dem Ruhrgebiet assoziiert wurden, im Film selten vorkommen, Zufall oder Absicht?

Die Kämpfe um Arbeitsplätze in Duisburg-Rheinhausen Anfang der 90er haben mich politisch geprägt und persönlich ist mir die Frage der Organisation von Arbeit zentral. Den Stadtaktiven im Ruhrgebiet aber, die tagtäglich mit der Debatte um den ewig neuen lokalen Strukturwandel konfrontiert sind, war es ein Anliegen, den Schwerpunkt auf neue Formen zu legen und nicht in Ruhrgebietskitsch abzugleiten. Das ist für diesen Film, der eher auf die Alltagswelt schaut, von seiner Konzeption her sinnvoll – auch andere anzuregen, nicht auf das Stadtmarketing zu warten, sondern selber die Stadtteile in die Hand zu nehmen. Das bedeutet für mich aber nicht, dass nicht auch dringend aktiv mit Dokumentarfilm und anderen Medien für die Rechte und Selbstorganisierungskräfte der Proletarisierten gearbeitet werden muss.

Veröffentlicht auf Der Freitag Community am 22. März 2017